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ADS / ADHS
Aufmerksamkeitsstörungen zwischen Hyperaktivität und Hypoaktivität


ADS – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom
ADHS – ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom gepaart mir Hyperaktivität


Die Kinder, die mit einer dieser Diagnosen belegt werden, können nicht nur nicht aufmerksam sein, sondern sie sind auch oft extrem anstrengend! Was schon 1845 der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann in seinem Buch „Der Struwwelpeter" als „Zappelphilipp“ oder „Hans-Guck-in-die-Luft“ beschrieb, ist heute keine Randerscheinung mehr, sondern ein immer häufiger auftretendes Phänomen.

Immer mehr Kinder können nicht mehr stillsitzen und sind chronisch unaufmerksam. Bei dem Erscheinungsbild ADS bzw. ADHS wird oft hinter diesen Symptomen eine Krankheit vermutet, deshalb stehen die Probleme im Lernen für die Betroffenen teilweise im Hintergrund. Von einigen Ärzten werden Stoffwechselstörungen im Gehirn als Grund für das veränderte Verhalten der Kinder angenommen. Manche Verhaltensforscher wiederum sehen die Ursachen für diese Verhaltensauffälligkeiten in den wenig kindgemäßen Bedingungen unter denen Kinder heute aufwachsen und dem fehlenden Erfahrungsraum für ihre körperliche Entwicklung. Es gibt viele verschiedene Vermutungen, aber –

in einem Punkt sind sich alle einig – diese Kinder brauchen Hilfe!



Ronald D. Davis geht bei der Auseinandersetzung mit den Verhaltensauffälligkeiten von ADS und ADHS einem anderen Gedanken nach: Er meint, dass diesen Kindern grundsätzliche Erfahrungen fehlen, die sie daran hindern, ihr Verhalten bewusst zu steuern. So kommt er zu dem Schluss, dass ein Nachholbedarf besteht.

Kinder, die in Großstädten aufwachsen, haben oft wenig Möglichkeit elementare körperliche Erfahrungen zu machen. Wohlmeinende Mütter sind sorgsam darauf bedacht, dass ihre Kinder nicht hinfallen – natürlich, sie sollen sich doch nicht wehtun. Aber gerade im Erleben des Hinfallens liegt die Erfahrung, die zu einem sicheren körperlichen Gleichgewicht führt und die Kinder lernen dabei außerdem, sich geschickt abzufangen. Auch im Kindergarten bleiben Kinder aus versicherungstechnischen Gründen nicht unbeaufsichtigt, sondern werden vor jeder möglichen negativen Erfahrung bewahrt.

Ein aus sauber zugesägten Brettern gezimmerter Abenteuerspielplatz ersetzt aber nicht das Abenteuer, auf einen Baum zu klettern. Das natürliche Versuchsfeld unserer Kinder wird immer mehr mit Verboten belegt, die Kinder werden bespielt oder sie sitzen vor dem Fernseher, um anderen Kindern beim Spielen zu zusehen. Dabei ist es aber nicht möglich, selbst zu erleben, dass z. B. Wasser auch von oben in einen Gummistiefel laufen kann, wenn die Pfütze nur tief genug ist oder wie man auf einen Baum steigt, ohne dabei herab zufallen. Welche Äste sind tragfähig, wie kann ich sie von morschen unterscheiden und wie muss ich mein Gewicht verlagern, um gut herauf und wieder herunter zu kommen.

Aus dem eigenen Erleben erwachsen den Kindern Erfahrungen und diese Erfahrungen benötigen sie, um die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung zu verinnerlichen. Ein wichtiges Lebenskonzept übrigens auch im Bezug auf das eigene Verhalten im sozialen Umfeld. Die fehlenden Spielräume machen sich bei vielen Kindern als fehlende Erfahrungswerte deutlich bemerkbar und die wenig kinderfreundliche Umwelt hindert sie daran, sich elementare Lebensgrundlagen erwerben zu können!

Fehlende Erfahrungen sind aber gleichbedeutend mit fehlender Sicherheit. Diese mangelnde körperliche Sicherheit macht sich aber auch im inneren Gleichgewicht der Kinder bemerkbar und führt letztlich zu Verhaltensauffälligkeiten.

Unser Magen beispielsweise wird auch verhaltensauffällig, wenn wir uns unzureichend oder falsch ernähren, die Folgen davon können Unwohlsein, Schmerzen oder Übelkeit sein.


Kinder, die zuwenig Möglichkeiten haben, sich ihrem Wesen entsprechend zu bewegen und sich zu erproben, fühlen sich auch unwohl, was an ihrer gesteigerten Motorik deutlich zu bemerken ist. Während Erwachsene imstande sind, ihre Bewegungen bewusst zu kontrollieren, werden Kinder davon überrollt.

Wenn Kinder und Jugendliche ihr eigenes Verhalten beeinflussen sollen, brauchen sie dafür eine Kontrollmöglichkeit. Zunächst müssen sie aber ihr Verhalten und die Reaktionen der Umwelt darauf erst einmal wahrnehmen lernen. Beobachtet man ein hyperaktives Kind, so wird deutlich, dass es kaum eine Wahrnehmung für seine Umgebung hat. Es ist in seinem eigenen Verhaltensmuster eingeschlossen. Wird es darauf angesprochen oder kritisiert, so versteht es oft gar nicht, was von ihm erwartet wird.

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte Ronald D. Davis sein Konzept zur Arbeit mit Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen. Er definiert aufgrund seiner Forschungsergebnisse die Ursachen für das ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) neu. Sowohl Hyper- als auch Hypoaktivität sind seiner Meinung nach eine Folge spontaner Desorientierung. Seine Definition von ADS heißt deshalb:

„…nicht altersentsprechende Unaufmerksamkeit und Impulsivität mit oder ohne Hyperaktivität, begleitet von spontaner Desorientierung…“
(aus: Ronald D. Davis, „Die unerkannten Lerngenies“)


Eine bewusste Veränderung des eigenen Verhaltens ist langwierig und zeitaufwändig. Innerhalb einer Beratungswoche können neue Verhaltensformen entwickelt werden, aber in der Zusammenarbeit mit den Eltern oder anderen Ansprechpartnern müssen sie in der kommenden Zeit weiter trainiert werden. Dabei wird der erste Schritt wieder das Erlernen der Orientierung sein, denn nur im orientierten Zustand ist es Menschen möglich, exakt wahrzunehmen. Weiterhin muss das Zeitempfinden den tatsächlichen zeitlichen Gegebenheiten angepasst werden.

Während für ein hyperaktives Kind die Zeit rast:

– ähnlich dem Gefühl, das man haben kann, wenn man für einen riesigen Berg Arbeit nur eine Stunde Zeit hat – bleibt für ein eher hypoaktives Kind die Zeit scheinbar stehen:

– Vergleichbar der Empfindung, wenn man auf dem Bahnhof stehend das Eintreffen eines verspäteten Zuges erwarten.

Ein weiterer wichtiger Themenkomplex ist wieder die Beschäftigung mit Grundbegriffen wie Konsequenz, Ursache und Wirkung, diesmal aber speziell auf das Verhalten des betreffenden Kindes ausgerichtet.

Es soll in gezielten Übungen ein eigenes „Früherkennungssystem“ für sein Verhalten entwickeln lernen, dass es ihm ermöglicht, je nach Situation seine Desorientierung zu erkennen und sich zu orientieren. Außerdem lernt es aber auch noch, sein Energielevel der Situation anzupassen und sich zu entspannen. Gelingt es ihm diese Hilfsmittel bewusst anzuwenden, so kann es sein Verhalten steuern.

Nun gilt es vor allem die Auslöser zu finden, die das betreffende Kind desorientieren und sie beherrschen zu lernen. Diese Auslöser liegen oft auch im Bereich der schulischen Aufgabenstellungen, so dass sich ein spezielles Training auch im Bereich der Rechtschreibung und des Lesens etc. anbietet. Durch diese Sicht auf Verhaltensauffälligkeiten ergeben sich völlig neue, aber sehr sinnvolle und Erfolg versprechende Möglichkeiten zur Korrektur von ADS und ADHS. Den Betroffenen wird so ein eigener Handlungsspielraum eröffnet und sie werden befähigt, ihr Verhalten selbständig zu verändern. Eine Einnahme von stimulierenden Medikamenten kann dadurch in der Regel umgangen werden.

Eines sollte jedoch immer bedacht werden: So, wie aus einem Adler nie ein Langstreckenläufer werden wird und aus einem Hase niemals ein Zugvogel, so wird aus einem hyperaktiven Kind niemals ein stiller Träumer werden! Es kann aber gelingen, dass der junge Mensch sein enormes hyperaktives Kräftepotential für ein sinnvolles und zielgerichtetes Handeln nutzen kann, während ein stilles, träumendes Kind seine enorme Beobachtungsgabe einsetzen und als ein Talent für seinen späteren beruflichen Werdegang erleben kann. Jedes Kind bringt seine speziellen Begabungen mit und Eltern, Lehrer und andere begleitende Menschen sollten Kinder dabei unterstützen, ihre Talente zu entwickeln und für ihren weiteren Lebensweg zu nutzen.