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bestehen bleiben


Wie das Verstehen von Begriffen das Leben eines Menschen verändern kann

Am 11.05.2009 durfte ich während der Arbeit mit einem meiner Klienten erleben, wie die Arbeit an den Begriffen das Leben eines autistischen Menschen grundsätzlich veränder kann:

Wie immer zur vereinbarten Zeit war der 20 jährige Tonio an diesem Tag zur Nachhilfe zu mir gekommen und saß mir nun gegenüber.

Unsere erst Begegnung lag fast ein Jahrzehnt zurück. Tonio war damals Analphabet. Im Oktober 2001 kam er zu einer ersten Beratungswoche zu mir, in der er die Buchstaben erlernte und erste Grundlagen des Lesens und Schreibens erwerben konnte. Da es sich in der gemeinsamen Arbeit zeigte, dass Tonio eine langfristigere Begleitung brauchte, wurde die Arbeit in wöchentlichen Übungsstunden fortgesetzt. Bei den gemeinsamen Übungen zum Lesen fiel auf, dass sich Tonio von den gelesenen Inhalten immer nur einen Aspekt merken konnte, der Rest verschwandt sofort aus seinem Gedächtnis.

Innerhalb der nächsten viereinhalb Jahre gelang es Dank Tonios unendlicher Beharrlichkeit, im Lesen soweit fortzuschreiten, dass er seinen größten Wunsch verwirklichen konnte, den dritten Band von „Harry Potter“ selbst zu lesen. Es war ein beeindruckend zu erleben, wie sein Textverständnis zunahm und es ihm schrittweise gelang, auch verborgene Inhalte zu erfassen, wie z.B. die Falschheit eines Menschen, der etwas anderes sagt, als er denkt. Auf seine Rechtschreibung hatte sich inzwischen deutlich verbessert.

Das nächste Ziel war das Erlernen des Rechnens. Tonio hatte absolut keine Mengenbegriffe und konnte nur im Raum bis 20 einigermaßen zählen. Innerhalb einer weiteren Beratungswoche gelang es, Tonio ein Mengenverständnis zu vermitteln und die Grundrechenarten zu erlernen. Da er die großen Lücken in seinem mathematischen Wissen schließen wollte, um einen Schulabschluss machen zu können, schloss sich auch an diese Beratungswoche eine kontinuierliche gemeinsame Arbeit an.

So blickten wir auf fast acht Jahren gemeinsamer Arbeit zurück, als der inzwischen 20 jährige Tonio zur Vorbereitung seines Realschulabschlusses zur Lernbegleitung zu mir kam. Wie schon so oft arbeiteten wir auch an diesem Tag an der Lösung von linearen Gleichungen, insbesondere am Umstellen einer Gleichung nach der Variablen.

Seit langem hatte ich schon beobachtet, dass Tonio beim Umstellen der Gleichungen immer den Teil, der auf der einen Seite verschwinden soll, nicht auf die andere Seite übertrug. Er ließ ihn einfach weg. Alle Bemühungen, ihm den Vorgang des Übertragens zu erklären und ein dauerhaftes Verstehen zu erzielen, waren im Laufe des vergangenen Jahres fehlgeschlagen.

Als Einschub sei erklärt, dass die Ursachen für Tonios besondere Lern- und Lebensproblematik nie untersucht worden war. Stattdessen hatten sich seine Eltern immer bemüht, die optimalen Lernsituationen für ihn zu schaffen, was zu einer Odyssee durch die Berliner Schullandschaft geführt hatte. Immer wieder war er von Lehrern und Mitschülern abgelehnt worden und hatte die Schule wechseln müssen. Mit jedem Mal war es schwerer geworden, einen Ort zu finden, an dem er lernen durfte. Für seinen Schulabschluss ging er jetzt auf eine praxisorientierte Schule, an der drei Tage Arbeit mit zwei Tagen Schule abwechselten. In diesem besonderen Zusammenhang konnte Tonio erstmalig kontinuierlich lernen und im Unterricht Fortschritte erzielen. So war es ihm gelungen einen Hauptschulabschluss zu erlangen. Nun wollte er in diesem Jahr noch den Realschulabschluss erreichen.

Dann fuhr ich zum Autismusworkshop nach Elzach. Die erste Frage, der ich mich auf diesem Work-shop stellen musste, war, weshalb ich hierhergekommen sei! Plötzlich wurde mir klar, dass ich hier war, um Antworten auf die Frage zu bekommen: Warum gelang es mir nicht, Tonio so grundlegend zu fördern, wie es mir in der Arbeit mit anderen Klienten sonst immer gelang? Noch wusste ich nicht genug über die Phänomene des Autismus‘, doch es erschien mir plötzlich als möglich, dass Tonio Autist sein könnte. Nach den Erfahrungen dieses Workshops bestätigte sich in den folgenden Gesprächen mit seiner Mutter diese Möglichkeit. Aber würden sich all die untypischen Lernprobleme damit erklären lassen?

Vor diesem Hintergrund kam mir während der gemeinsamen Arbeit die Idee, dass Tonio der Begriff „bestehen (bleiben)“ fehlen könnte.

Ich erklärte ihm den Begriff und wir sprachen in der nächsten Stunde über bestehen bleiben. Tonio kannte nur den Begriff „Veränderung“ (eingeführt sowohl im Legasthenietraining, als auch nochmal im Mathe-Beratungsblock), bestehen und auch bleiben waren für ihn völlig unbekannte Begriffe. Ich erklärte ihm, dass er lebt, am Leben bleibt und nur so sich entwickel und lernen kann.

Tonio fand dann ein Bild aus seinem Erlebnisfeld für bestehen bleiben:

Der Bahnsteig am U-Bahnhof Kottbusser Tor bleibt bestehen.
Danach schauten wir uns sein Umfeld an:
die Häuser bleiben bestehen;
Erde, Sonne und Mond bleiben bestehen;
die Bäume auf dem Hof bleiben bestehen;
Tonio wandte ein, er kenne einen Platz, da hätten bisher immer Autos zum Verkauf gestanden, jetzt sei er leer – ich fragte zurück: aber der Platz besteht noch. Erleichtert antwortete er: „Ja, stimmt!“
Dann fand Tonio selbst ein weiteres Beispiel:
Die Firma meines Vaters bleibt bestehen – nun schon seit 10 Jahren…
Etwas muss bestehen bleiben, um sich verändern zu können!
Wir kehren zu Tonios Rechenaufgabe zurück.
Da eine Gleichung das Prinzip einer Waage hat, experimentierten wir jetzt mit meiner Küchenwaage. Was passiert, wenn ich aus einer Waagschaale ein Gewicht herausnehme? Tonio beobachtete die Veränderung. Erst wenn man aus beiden Schalen gleichviel herausnimmt oder dazutut, bleibt das Gleichgewicht bestehen. Tonio war fassungslos, er betrachtete die Waage und dann mich und strahlte. „Jetzt habe ich es verstanden!“ Wir kehrten zum Arbeitstisch zurück und kneteten die einfachste Form von bestehen:

Danach begann Tonio zu rechnen. Er sah zwei Jahre älter aus (Tonio war damals 20 Jahre, wirkte aber immer noch viel jünger). Zum ersten Mal sah er wie ein junger Erwachsener aus.

Danach war alles ganz einfach: Jedes Vorzeichen, jede Zahl aus den oberen Gleichungszeilen wurde übernommen, blieb bestehen, beim Wechsel auf die andere Seite verschwanden die Zahlen nun nicht mehr, sondern blieben bestehen…

Tonio war irritiert: „Wieso kann ich das plötzlich alles, das kann doch nicht bloß an einem Begriff gehangen habe?“ Die folgenden Aufgaben rechnete Tonio allein. Danach war er sichtlich erschöpft, aber auch glücklich. Ihm hatte sich eine völlig neue Welt eröffnet.

Was muss ich bei meiner nächsten Prüfung beachten? – Wir sprachen über Entspannung und Orientierung. Mit einer völlig neuen Klarheit hörte Tonio zu. Er konnte sein Können plötzlich realistischer einschätzen. Eine fünf reicht, um nicht durchzufallen…

Ausblick:

Tonio ist es gelungen, seine schulischen Ergebnisse nochmals zu verbessern, auch wenn er sein Ziel, den Realschulabschluss, knapp verfehlte. Die verbleibende Zeit bis zu den Sommerferien nutzten wir, um weitere Begriffe zu kneten. Obwohl Tonio die Begriffe Veränderung und Folge schon aus früheren Beratungswochen kannte, erschlossen sie sich ihm noch einmal völlig neu durch die gezielte Verbindung mit praktischen Übungen. Die bekannte Umgebung, der Hof, die Bäume, die Menschen seiner Umgebung wurden zum ersten Mal wirklich wahrgenommen. Jeder gemeisterte Begriff schien eine neue Tür zu öffnen, neue Denkstrukturen freizulegen. Tonio kam nun zu jeder Stunde mit einer Frage, die ihm in der Zwischenzeit gekommen war. Erstaunlich für mich war, dass eben diese Fragen immer wie Überleitungen zum nächsten Begriff waren. Bis zu Sommer hatten wir fast alle Begriffe der ersten Pyramide gemeistert. Nach der Sommerpause wollte Tonio die Arbeit nicht länger fortsetzten. Nach den vielen Jahren, in denen er jede Woche zweimal zu mir gekommen war, wollte er nun sein Leben erst einmal in seine eigenen Hände nehmen. Manchmal steht er plötzlich vor der Tür, erzählt von seiner Lehre, von Aufgabenstellungen, die ihm noch schwerfallen und von Dingen, die er schon gut erledigen kann. Er ist selbständiger geworden und schöner junger Mann, der durch seine ehrliche, aufrichtige Art auffällt und mit dem man über alle Dinge des Lebens wirklich interessante Gespräche führen kann.

(Der Name des Klienten wurde geändert)
Cornelia Garbe

PS:
Bei der vollständigen Erarbeitung aller Begriffe des Autismus-Programmes zeigte sich, dass das Verständnis für den Begriff bestehen bleiben nur in Bezug auf den mathematischen Bereich ange-wandt wurde. Es bedurfte der ausdrücklichen Erweiterung auf alle Lebensbereiche, um das Gesamtkonzept von bestehen bleiben für alle Lebensbereiche zuglänglich machen zu können! Deshalb ist es notwendig zu dem speziellen Beispiel immer auch die allgemeine Bedeutung hinzuzufügen.

 

Einen kurzen Einblick in die Arbeit finden Sie auch hier in einer Bilderfolge: