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Einblicke in die Arbeit


„Es war ein Mann, der hatte drei Söhne, davon war der jüngste der Dummling und wurde verachtet und verspottet und bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt ..."


So heißt es im Märchen „Die goldene Gans“ der Brüder Grimm. Heute würde das etwa so formuliert: …, davon hatte der Jüngste eine Teilleistungsstörung…

1845 beschrieb der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann in seinem Buch „Der Struwwelpeter" diese Kinder als Zappelphillip oder Hans-Guck-in-die-Luft, heute heißen diese Verhaltensmerkmale Hyperaktivität oder Hypoaktivität. Während der Dummling unbeirrbar seinen Weg gehen konnte und am Ende die Prinzessin bekam und ein großes Reich dazu, so erhält heute sein Nachfolger im günstigsten Fall eine Therapie...

Einige Verhaltensbilder:


Mona: (10) ist ein stilles, zartes Mädchen, das am Liebsten mit ihren Puppen spielt und gern tanzt. Sie kann mir gut sagen, was sie alles nicht kann, auf die Frage, was ihr gut gelingt, schweigt sie und verschwindet förmlich auf ihrem Stuhl.

Jolanda: (8) versucht zu lesen. Mühsam zieht sie die Buchstaben zusammen, was sich ergibt, ist ein ihr völlig unbekanntes Wort, ähnlich einem Straßennamen im Ausland. ... (aus be-kam wird bek-am; aus Häus-chen - wird Häu-schen...) Die fremden Worte machen Mühe und ergeben keinen Sinn. Je öfter sie vorlesen darf, desto schlechter gelingt es ihr. Die Klassenkameraden versuchen ihr zu helfen, sie flüstern ihr leise die Worte zu. Das verunsichert sie noch mehr und auch das Stöhnen der anderen, wenn sie schon wieder dran ist, verstärkt den Druck. Sie gibt auf...

Phillip: (14) ist ein stiller fleißiger Junge, intelligent und sehr bemüht, alles richtig zu machen. Seine Texte sind inhaltsreich und gut formuliert, nur nicht lesbar. Seine Hände sind verkrampft, die Augen zucken zuweilen, manchmal knackt seine Stimme beim Sprechen…

Bei Max (9) ist das ganz anders. Wenige Worte liest er exakt, zuweilen sind es auch nur die ersten Buchstaben eines Wortes. Er benutzt andere Begriffe mit ähnlicher Bedeutung oder assoziiert frei. Geht der Text so nicht auf - ist die Großmutter dann zur gleichen Zeit in der Küche und hinter dem Haus, so erzählt Max selber weiter. Seine überströmende Phantasie hilft ihm dabei! -Was lesen wir hier - deine Geschichte oder wollen wir wissen, was im Buch steht?



Stina (10) findet keinen Zugang zum Rechnen. Jeglicher Zusammenhang zwischen den Zahlen bleibt ihr verborgen, ihre Fähigkeiten reichen so weit, wie es die Zahl der Finger erlaubt. Aber Zählen ist in der Schule verpönt – hier soll man Rechnen! Aber wie nur…?

Marlene (12) ist fröhlich, schwatzhaft und hat die Fähigkeit, durch immer neue Geschichten vom Thema abzulenken. Bei einer Aufgabenstellung, die sie nicht sofort lösen kann, verschwindet sie in ihrer Phantasiewelt. Ihr Körper sitzt dann da, wie entleert und sie ist verbal nicht mehr zu erreichen.

Timo (10) liest mir vor: „Räuber Hotzenplotz". Sicher und fließend lässt er abwechselnd die ängstliche Stimme der Großmutter und die des ruppigen Hotzenplotz ertönen. Als ich mich danach mit ihm darüber unterhalten will, hat Timo vom gelesenen Inhalt nichts behalten!

Jaromir (13) liest einen Absatz des Textes fehlerfrei und fließend. Danach beginnt er zu stocken, stammelt, verliert das Verständnis für den Inhalt und verstummt. Dieses Problem hat er in allen Fächern. Textaufgaben werden nicht verstanden. Er zieht falsche Schlüsse aus dem Gelesenen oder interpretiert die Fragestellung falsch. Bei Texten, die zu Hause erarbeitet werden sollen, muss er manches 5 / 6 mal wiederholen, damit er den Inhalt verstehen kann.

Anna (9) will lesen - jetzt gleich und ganz richtig. Endlich will sie wissen, was das alles auf dem Bild zu bedeuten hat. Aber Lesen ist mühsam, sie hat unmöglich so viel Zeit zu warten, bis sie den Text Wort für Wort buchstabiert hat. Ihre Phantasie ist viel schneller. Jetzt gleich will sie es verstehen! Sie schiebt mir das Buch zu: „Lies du mal...!"

M. (41) er möchte endlich richtig schreiben können. Das ewige Versteckspiel ist ihm zuwider und er hat Angst vor hämischen Blicken und dem Getuschel hinter seinem Rücken, welches ihn seit seiner Schulzeit begleitet.

A. (34) studiert. Scheinbar hat sie es geschafft, aber immer ist die lähmende Angst da, vielleicht ist alles ein Irrtum, jede gute Note, jedes gelungene Referat: „Eigentlich kann ich doch nichts. Das habe ich in meiner Schulzeit so oft gehört. Meine Lehrer können sich doch nicht geirrt haben?“


So viele verschiedene Menschen und ebenso viele Formen, wie sich Legasthenie zeigen kann! Gelingt es diesen Kindern den Auslöser ihrer Schwierigkeiten zu finden, so können sie durch eine neue Lernstrategie ihre Probleme lösen:

Peter (10) sitzt mir geduckt mit eingesunken Schultern gegenüber. Die Haut über seiner Oberlippe ist wund gekaut und rot. Er hat aufgegeben. Trotzdem macht er brav alles, was ich von ihm verlange, aber er hat keine Wünsche. Etwas lustlos und gelangweilt vergehen die ersten beiden Tage. Folgsam aber ohne die rechte Freude am Tun arbeitet Peter mit. Ich frage ihn, ob es etwas gibt, von dem er sich wünschen würde, dass es besser oder leichter gehen soll. Er zuckt nur die Schultern.
„Wer ist für dein Lernen verantwortlich?“, frage ich ihn. „Äh, wohl ich...,“ meint er zögernd. Wie kann ich denn meine Lernergebnisse beeinflussen?
Wir arbeiten zusammen an einer Leseübung. Sie wird mit wachem Interesse durchgeführt - orientiert kann Peter besser lesen, das ist deutlich. 
Es folgen Diktate, weitere Lesestrategien werden entwickelt. Wir kneten Worte, lernen Worte visuell zu speichern... Ich frage Peter erneut: „Was meinst du, kann dir diese Woche etwas helfen?“ - Er lacht: "Ich glaube schon!"

Tino (13) weiß ganz sicher, dass er nicht rechnen kann. Denkt er nur an Zahlen, so werden seine Knie weich und er fühlt sich wie bei einem Flugzeugabsturz, er verliert jeglichen Halt! Lasse ich ihn Dinge zusammenzählen, so gelingt es ihm leidlich, wenn er sich nicht verzählt. Lasse ich Dinge verschwinden, so ist er irritiert. Wie viele waren es vorher? Er kann sich nicht erinnern, alles was mit zurückgehen oder abziehen zu tun hat, verwirrt ihn. Langsam bauen wir auf. Zählen bis zur Sicherheit und das Erleben verschiedener Mengen. Für jede Rechenart finden wir ein Bild – Mathematik ist ganz einfach: zwei Dinge weiß ich und eins muss ich suchen, welches es ist, muss ich nur unterscheiden lernen. Mit jedem erworbenen Rechenschritt wächst die Klarheit in Tinos Blick und sein Gesicht wirkt freier.

Das was der Einzelne braucht ist sehr unterschiedlich. Für jeden gilt es den geeigneten Fahrplan zu finden. Dies geht nur bei aktiver Zusammenarbeit. Die Verantwortung für den Fortschritt der Beratungswoche liegt hauptsächlich beim Klienten, nutzt er alle Möglichkeiten während der Beratung und führt er das Gelernte zu Hause fort, so hat die Woche einen bleibenden Erfolg.

Mira (10) kann Einrad fahren, aber auf einem Bein stehen kann sie nicht, ohne zu wackeln. Erst nach der Orientierung gelingt es ihr, beide Erfahrungen miteinander zu verknüpfen.

Moritz (9) hat keine Lust zum Fahrradfahren, das ist blöd, und das Rad, was die Oma geschenkt hat, gefällt ihm auch nicht. Moritz kann auch kaum balancieren. Nach der Orientierung schlage ich seiner Oma vor, doch beim Fahrrad die Pedale abzubauen und es zunächst als Laufrad zu benutzen. Keine zwei Tage später kommt er strahlend: Ich kann jetzt schneller als Opa fahren!

Cornelius (18) sitzt während der Autofahrt hinten und liest. Früher musste er vorn sitzen, und es verging kaum eine Fahrt, auf der ihm nicht schlecht geworden wäre. Zu einer Freundin sagt er „Geh und lass dir die Orientierung erklären, dann verträgst du das Autofahren auch.“

Fabian (25) hatte nie Probleme beim Lernen, alles ist ihm zugefallen. Aber er ist chaotisch, kann sein Leben nicht planen und hat ständig Schwierigkeiten mit seinen Mitmenschen – keiner versteht ihn – keiner hält es mit ihm aus. Für Fabian ist das ein großes Problem. In der gemeinsamen Arbeit lassen wir die Konfliktsituationen als Knetfiguren entstehen und ergründen Begriffe wie Beziehung, Verantwortung, Ursache, Wirkung. So lassen sich Missverständnisse klären und neue Strategien entwickeln. Fabian erlebt sein Verhalten im Zusammenhang mit den Reaktionen der Anderen und kann sich verändern.

Manja (9): Will richtig schreiben lernen. Intensiv arbeitet sie mit, doch immer wieder gibt es Momente, in denen sie verängstigt zusammenbricht. „Das kann ich nicht!“ Oft muss sie die Erfahrung machen, dass es ihr doch gelingen kann, richtig zu schreiben, bis sie es mir glauben kann. Kommt sie nach Hause, so wird sie es nochmals lange im geschützten Raum erproben müssen. Bis es in der Schule gelingen kann muss vor allem ihr Selbstvertrauen wachsen. Sie muss erleben, dass sie etwas kann. Es heißt also in doppelter Hinsicht üben und motivieren!…

Pablo (10) war als Säugling sehr schwer krank. Noch in der vierten Klasse verwechselt er die Buchstaben und versteht keinerlei Inhalt. Er kann gar nicht lesen, als er zu mir kommt. Aber er will „Harry Potter" lesen. Mit dem zweiten Band unterm Arm steht er vor mir, nicht bereit etwas Leichteres zu wählen. Zum Lesen lernen ein schwieriges Unterfangen und denkbar ungeeignet. Dafür brauchte man schon einen Zauberstab. Dazu kommt, Pablo kann sich das Gelesene nicht merken. Für ihn muss ein anderer zeitlicher Rahmen gefunden werden. Aber nach zwei Jahren hat er es dennoch geschafft. Jetzt kann er lesen und auch die untergründigen Verbindungen erfassen. Für einen, der über viele Jahre Analphabet war, grenzt das schon an Zauberei...

Was wie Zauberei klingt, ist dennoch möglich. Die Kombination von Orientierung und speziellen Lerntechniken für bildhaft denkende Menschen schafft den Einstieg zu einem neuen kreativen Arbeitsprozess. Hat ein Kind oder ein junger Mensch dies erlebt, so ist der Weg frei. Lernen ist nicht länger eine Qual, es wird spannend und macht Spaß und alles, was mich interessiert, kann ich mir viel leichter merken.